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Trauer ist Liebe, die gerade nicht weiß, wohin.

  • Autorenbild: Birgit Schibilla
    Birgit Schibilla
  • vor 14 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit

Ein persönlicher Rückblick auf den Kraft der Vielfalt Tag Trauer.


Am Sonntag, den 1. Februar 2026 war Tag der Traurigkeit. Der war nicht für mich organisiert. Ich war dabei, als Teil des Gastgeber-Teams. Für mich braucht es so einen Trauertag nicht, ich habe keinen Menschen in meinem engeren Kreis verloren. So dachte ich im Vorwege …


Hier ein Rückblick auf den Tag aus meiner Perspektive.

In der Vorstellungsrunde fließen erste Tränen.


Bank als Anker
Welcher Teil oder welche Rolle von mir sitzt auf dieser Bank am Wegesrand?

„Menschen, denen wir eine Stütze sind, geben uns Halt im Leben.“

Als Gruppe gehen wir in den Nebenraum, um die Frage „Wo stehst du?“ anzuschauen. Teils wandern wir langsam durch den Raum. Teils stehen wir. Teils mit Augen zu. Jeder stellt sich einen Weg vor und darf entscheiden, ob er sich auf der Bank am Wegesrand niederlässt. Jeder entscheidet selbst, ob gerade ein anderer Mensch neben ihm auf der Bank Platz nehmen soll. Der Satz: „Menschen, denen wir eine Stütze sind, geben uns Halt im Leben.“ berührt scheinbar etliche im Raum. Da kommen Tränen. Ehrliche Tränen. Überfällige Tränen?


Jan-Markus nimmt seine Gitarre und setzt sich auf den Boden. Zettel mit dem Text wandern im Kreis, bis alle versorgt sind. Jan-Markus beginnt zu singen. Ich kenne das englische Mantra „The Healing Song“, das die Elemente durchgeht: Wasser, Erde, Luft und Feuer. Ich mag es! Ich stimme ein, viele stimmen ein. Ich schließe die Augen und genieße diese ganz besondere Schwingung im Raum. 


Melanie hat ein Märchen für uns mitgebracht. Sie liest es vor. In „Die Tränenfee“ verweigert ein Elternpaar, das das Allerbeste für das Baby möchte, das Geschenk der Tränen von der Tränenfee zur Taufe. Die anderen Feen überreichen Schönheit und Reichtum, was sich im Leben des Mädchens auch erfüllt. Nur ist sie kaltherzig und emotionslos, bis sie als Erwachsene der Tränenfee erneut begegnet. Endlich bekommt sie die Fähigkeit zu weinen, weint tagelang. Aus jeder ihrer Tränen wird eine Perle und endlich kann sie ein glückliches Leben leben. Das Märchen berührt mich so, dass ich Tränen in den Augen habe. 


Tränen reinigen unser Herz. 

So sind meine Augen schon etwas vorbereitet auf die Augenmeditation mit Sorina. Sorina lädt uns alle ein, im ersten Schritt den ganzen Körper durchzubewegen, die Schultern zu lockern, die Hände zu kreisen. O ja, bei mir wollen unbedingt die Handgelenke ausgeschüttelt werden. Das tut mir gut! Das tut auch meinen Augen gut. Erstaunlich, wie alles verbunden ist. Sorina spricht: „Danke, liebe Augen. Und Danke, liebe Tränendrüsen.


Und Danke, liebe Hormone, dass ihr da seid.“ Das ist ungewohnt für mich. Und später „Danke, liebe Meibomschen Drüsen, dass ihr für eine Lipid-Schicht auf meinem Auge sorgt und Austrocknung verhindert.“ Danke, liebe Sorina, für diese Erfahrung.    


Holzbohlen - Den Weg den wir schon gegenagen sind

Nach der Mittagspause trage ich eines meiner Gedichte vor: 

VOR UND ZURÜCK

Zurückblicken auf alte Zeiten.

Vorwärtsschauen: Mut verbreiten.

Zurückerinnern an liebe Leute,

Vorwärtswirken und zwar schon heute.

Zurückrudern, wenn was nicht passte.

Vorwärtsgehen, bevor ich raste.

Zurücktreten – von oben schauen.

Vorwärtsrücken – neues Bauen.


Bettina nimmt den Faden wieder auf mit ihrem Vortrag über emotionales Essen. Wir essen nicht immer aus Hunger. Oft essen wir aus Gewohnheit. Manchmal essen wir wegen unserer Gemütslage, wegen Stress oder als Belohnung nach einem anstrengenden Tag. Für mich ist es sehr bereichernd, wie Bettina darstellt, dass wir uns dafür nicht selbst obendrein auch noch verurteilen sollen: Wenn wir wegen Stress essen und uns das hilft, die Situation zu bewältigen, ist Selbst-Mitgefühl viel besser als Selbst-Vorwürfe. Denn so eine Abwärtsspirale ist ein Teufelskreis. Für mich ist es auch eine Erkenntnis, wie das Gegenteil von Teufelskreis heißt: Engelskreis! Mit Achtsamkeit und Dankbarkeitstagebuch (Bettina schreibt jeden Abend eine einzige Zeile auf!) gelingt auch entspannteres Essen.  


Sylvia nennt ihren Beitrag „Wenn du dich selbst verloren hast.“ Wir hatten schon herzlich darüber gelacht, wenn jemandem das Namensschild runtergefallen war und damit – vorübergehend – der Name verloren war. Bei Sylvia geht es nun richtig tief. Richtig tief für mich. Ob ich in meinem Leben bei einem Abschied mal einen Teil von mir selbst stehengelassen habe, fragt Sylvia in ihrer tragenden, mir Sicherheit spendenden Stimme. Ob da noch ein Teil oder eine Rolle von mir auf einer Bank am Wegesrand sitzt. Ob dieser sitzengelassene Teil nun erlaubt, dass ich ihn zu mir hole? Uff, ich finde da auf einer Bank am Wegesrand ein Häufchen Elend. Nein, nicht auf der Bank finde ich etwas von mir, sondern ein paar Meter jenseits der Bank finde ich etwas auf allen Vieren. Am Boden. Ganz schlapp. Völlig erschöpft. Mehr als das. Und völlig verdurstet. Ist das der zurückgelassene Rest von mir? Von mir, als das galoppierende Pferd nach vielen, vielen Kilometern im gestreckten Galopp nicht mehr konnte? Als es nicht mal mehr reichte, um die letzten Meter bis zur Bank zu kommen? Und da hatte ich ohne diesen erschöpften Teil in mir einfach den Weg fortgesetzt und es zurückgelassen. Wann war das, frage ich mich. Warum, frage ich mich. Wie konnte ich das machen, frage ich mich. Bis ich wieder Sylvias Stimme höre: „Wie ist es, wenn du diesen Teil von dir nun an die Hand nimmst oder an dein Herz drückst und mitnimmst?“ Endlich hole ich diesen erschöpften, zurückgelassenen Teil nach Hause. Ins Warme. In meine Arme. Ich weine. Erleichterte Tränen. Reinigende Tränen. Ungeplante Tränen. 


Erneut nimmt  Jan-Markus seine Gitarre und setzt sich auf den Boden. Zettel mit dem Text wandern im Kreis. Jan-Markus beginnt zu singen. Ich kenne das deutsche Mantra noch nicht lange. Als wir zusammen in sanften Stimmen an der Textstelle „Bitte vergib mir. Ich danke dir. Ich liebe dich.“ sind, spüre ich eine Gänsehaut. Eine ganz, ganz dicke Gänsehaut. Meterdick umgibt sie mich.  


Als Claudia zum Zumba als lebendigen Abschluss einlädt und vorausgeht in den Saal, fühlt sich mein Körper ganz matt und schwer an. Gut, das erstmal noch Toiletten-Pause ist. Claudia macht Musik an und beginnt mit leichten Bewegungen. Die Arme ganz weit im Bogen erstmal ruhig nach oben und nach unten bewegen zu den instrumentalen Anfangstakten von „What a feeling.“ Einen kleinen Hauch dynamischer wird es, als die Stimmen in der Musik einsetzen. Meine Füße machen mit. Wow, tut das jetzt gut. Eine Kruste fällt von mir ab beim Tanzen. Wow, tut das gut. 


Dass auch anderen das vielfältige Programm gut tat, erfahre ich in der Abschlussrunde. Melanie schließt mit dem Satz: 


Trauer ist Liebe, die gerade nicht weiß, wohin. 


DANKE, DANKE, DANKE für einen sehr intensiven gemeinsamen Tag. 


Das Haus der Begegnung machte seinem Namen wieder alle Ehre:


Ich durfte Begegnungen mit anderen Menschen erleben und ich begegnete mir selbst. Danke! Eure Birgit 


Birgit Schibilla


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